Dystopische Zukunftsvisionen im Deutschunterricht der 4D

Zur Vorbereitung auf unsere neue Klassenlektüre, den postapokalyptischen Jugend-Thriller „Cryptos“ von Ursula Poznanski, hat die 4D im Deutschunterricht in einer Kreativschreibübung dystopische Texte geschrieben. Konkret ist es darum gegangen, unter dem Titel „Ein Tag in einer nicht so fernen Zukunft“ einen Text von etwa einer Seite Umfang zu verfassen, in dem aus der Sicht einer jugendlichen Hauptfigur ein typischer Tagesablauf in einer futuristischen Welt, in der es der Menschheit nicht gelungen ist, die Klimakrise abzuwenden, beschrieben wird. Viel Spannendes war zu lesen: von schlimmer Armut, täglichen auftretenden Tornados, vielen ausgestorbenen Tierarten, verpesteter Luft, die nur noch durch Schutzmasken eingeatmet werden kann, Nahrungs- und Wasserknappheit, großräumigen Überschwemmungen und schweren sozialen Ungerechtigkeiten, aber auch vom Wunsch nach positiven Nachrichten.

Als Kostprobe hier einer der Texte, die auf diese Weise entstanden sind – der Deutschlehrer war sehr beeindruckt:

Ein Tag in einer nicht so fernen Zukunft…

Maya wacht auf. Der schrille Wecker-Ton reißt sie aus ihrem viel zu kurzen Schlaf heraus. Schon wieder muss sie los. Schon wieder ein neuer Tag in dieser Welt. Als sie die Trockenheit in ihrem Mund wahrnimmt, fragt sie sich, ob sie vielleicht heute ein Glas Wasser bekommen würde. Sonst muss sie immer diese nach Chemie schmeckenden Fertiggetränke trinken, da es kaum noch sauberes Süßwasser auf der Erde gibt. Und dieses bisschen wird dann zum Fabrizieren neuer Produkte verwendet. Also kann sie sich den Traum vom frischen Wasser schön abschminken.

Sie tritt aus ihrer Wohnung, die immer nur knapp von ihrer Mama abbezahlt werden kann. Jeden Tag verabschiedet Maya sich gedanklich für immer von der Wohnung, da sie sich nicht sicher sein kann, ob sie morgen noch genug Geld haben würden, um die Miete zu bezahlen. Aber zum Glück ist diese nicht so hoch wie die Steuern.

Nach Mayas erstem Schritt knirscht es unangenehm unter ihren Füßen. Immerhin sind die Straßen in diesem Stadtteil noch zu betreten. In einigen anderen Bezirken mussten die Gehsteige abgesperrt werden, da so viel Müll herumliegt. Da hat Maya Glück, dass die Situation bei ihr nicht so kritisch ist. Sonst müsste sie den Bus nehmen, für den sie kein Geld hat. Dieses muss sie für ihr Essen sparen. Oh, fast hätte sie vergessen, ihre Maske aufzusetzen, die alle wegen der schlechten Luft tragen müssen. Mit aufgesetztem Mundschutz blickt sie hinauf in den Himmel, der, wie jeden Tag, ein Stück grauer und trauriger wirkt als am Tag zuvor.

Obwohl alle Politikerinnen und Politiker immer wieder versprechen, dass sie die Umwelt in den Griff bekommen würden, weiß Maya ganz genau, dass dies ein unerreichbares Ziel ist. Alle Lehrer in ihrer Schule erzählen den Kindern, dass alles nach Plan läuft und sie sich keine Sorgen machen müssten. Das funktioniert auch teilweise echt gut, da die meisten in Mayas Alter sehr abgestumpft sind. Kommt wahrscheinlich von den VR-Brillen, auf denen man TikTok schauen kann. Man muss nur an das Wort „scrollen“ denken und es wird für einen erledigt. Ein minimaler Kraftaufwand.

Daher gibt es nur wenige ehrliche Lehrer. Vor allem auch deswegen, weil sie gekündigt werden, falls sie ein falsches Wort sagen. Immerhin gibt es noch ein paar von diesen guten Lehrern, wenn auch wenige. Und einen davon hat Maya heute Morgen im Fach Geschichte.

Nach dem ewigen Slalom zwischen den Müllbergen, die übrigens entsetzlich stinken, schafft es Maya endlich, zum Schulgebäude zu kommen. Sie tritt hinein und geht zu ihrer Klasse, wo sich die meisten Kinder bis zum Unterrichtsanfang mit den VR-Brillen beschäftigen. Diese Schüler liegen paralysiert auf ihren Sesseln, ganz und gar eingenommen von den TikToks. Maya setzt sich in den stillen, stickigen Raum auf ihren Platz und nimmt ihr Buch heraus, damit auch sie etwas zu tun hat. Jedoch schreckt sie nur wenige Minuten danach wieder auf, da es zur Stunde läutet. Der Geschichtelehrer kommt in die Klasse und begrüßt die Kinder, die, bis auf wenige, eher desinteressiert reagieren.

„So, Kinder, heute möchte ich euch vom Zeitraum zwischen 2020 und 2030 erzählen. Damals gab es tatsächlich noch genügend frisches Wasser auf der Welt! Und genug gesundes und nährstoffreiches Essen gab es auch! Sogar mehr als nötig. Trotzdem hungerten viele Hunderttausende und litten unfassbaren Durst. Ich weiß, das hört sich verrückt an, nicht wahr?“ Die wenigen Kinder, die aufpassen, schütteln verwirrt die Köpfe, auch Maya. „Außerdem gab es einige große Politikerinnen und Politiker, die den Klimawandel leugneten! Könnt ihr euch das vorstellen?“ Einige Kinder lachen verstört auf, weil sie sich nicht vorstellen können, wie man den Klimawandel leugnen könnte, wenn dieser doch so offensichtlich ist. „Damals hätte man noch eine letzte Chance gehabt, das aufzuhalten, was jetzt für uns den Alltag bestimmt. Damals hätte man noch etwas ändern können.“ Ein Schüler von der kleinen Gruppe an Kindern, die zuhören, zeigt auf und stellt verwirrt eine Frage. Diese hallt in der stillen Klasse nach und füllt diese mit einer Trägheit, die auch Mayas Herz schwer zu Boden zieht.

„Aber warum hat den keiner etwas geändert?“

Karoline Werner, 4D

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